Deutsches Forum Kulturlandschaft 

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Kulturlandschaften

Nahezu überall in Mitteleuropa gibt es Kulturlandschaft. Bauern rodeten Land, ebneten Ackerflächen, bewässerten Wiesen, pflanzten Hecken und bewirtschafteten Wälder. Es entstanden Bergwerke und Fabriken; Straßen, Eisenbahnlinien und Kanäle durchziehen das Land. Solange die Menschen das Land nutzen, wollen sie es in einem stabilen Zustand halten. Dies gelingt nie vollständig, denn in jeder Kulturlandschaft herrscht auch die Natur, die das Bild der Landschaft verändert: Pflanzen wachsen und sterben ab, Felsen werden gesprengt, das Wasser nagt an Talhängen und genauso an von Menschen angelegten Böschungen. Manchmal ist es eine Sisyphusarbeit, die Böschung eines Bahndamms stabil zu halten. Wenn die Bahnlinie nicht mehr gebraucht wird, verfallen alle ihre Strukturen unter dem Einfluss der Natur. Sie werden dann zu Elementen einer historischen Kulturlandschaft. Für deren Bewahrung können sich die Menschen ebenfalls einsetzen: Der nicht mehr genutzte Bahndamm, der ehemalige Ackerrain, die Überreste einer Wiesenbewässerungsanlage können die Identität eines Landschaftsbildes prägen. Und dieses wollen viele Menschen vor allem bewahren, wenn sie es einmal begriffen haben: Das Bild der Landschaft ist eine Idee, die sich ins Bewusstsein eingebrannt hat.

Wem dieses Landschaftsbild etwas bedeutet, der kann sich dafür einsetzen, dass es vor dem Wandel der Natur bewahrt wird – und selbstverständlich auch vor einer Zerstörung bei einer Neugestaltung des Landes. Schutz der Landschaft ist immer ein doppelter Schutz: vor Zerstörung durch Menschen und vor dem Wandel der Natur.
Schützenswerte Landschaft kann es überall geben, wenn sie von den Menschen erkannt wird. Vor allem die Elemente der Historischen Kulturlandschaft sind nicht einfach zu entdecken; sie müssen erklärt werden, und zwar als Zeugen der Geschichte und oft zugleich als Orte, an denen seltene Tiere und Pflanzen vorkommen. Bestimmte Insektenarten leben nur in den dicken Eichen, die auf ehemaligen Hutwaldflächen stehen blieben. Viele Vogelarten brüten in den Hecken, die ehemals zur Trennung von Feldern gepflanzt wurden.

Weil alle Menschen in einer gleichen Landschaft leben und sich für sie einsetzen können, müssen sie sich gegenseitig über die Gegenwart und Zukunft der Landschaft verständigen: Dabei können Junge und Alte ins Gespräch kommen oder Einheimische und Fremde. Ein Gespräch über die Landschaft insgesamt oder auch einzelne Elemente der Historischen Kulturlandschaft schafft Integration zwischen Menschen, die sonst nicht miteinander ins Gespräch kämen. Neu Hinzuziehenden wird geholfen, eine neue Heimat zu gewinnen. Sie brauchen Punkte, an denen sie die Besonderheit ihrer neuen Heimat erkennen können – und das sind vielleicht die Kopfweiden, Überreste einer Brücke oder die Dorflinde, die ehemals zur Laubheugewinnung geschnitten wurde. So gewinnen sie neben ihrer alten eine neue Heimat dazu.

In der heutigen Zeit leben immer mehr Menschen an einzelnen Orten nur auf Zeit. An jedem Ort wollen und müssen sie sich so bald wie möglich heimisch fühlen können. Dies ist ein Gewinn für jeden Menschen, wenn er erkennt, dass er im Lauf des Lebens mehrere Heimaten gewinnen kann. Niemand wächst erneut so in seine Heimat hinein wie an dem Ort, an dem man Kind war. In der neuen Heimat braucht man Hilfe, die ihm Einheimische geben können, die die Besonderheiten ihrer Heimat erklären. Vielleicht beginnen die Alteingesessenen aber auch, durch die Fragen, die die „Neuen“ stellen, ihre Heimat mit neuen Augen zu sehen?

Der Bund Heimat und Umwelt (BHU) in Deutschland will sich dem Thema Kulturlandschaften stärker zuwenden. Jeder Mensch braucht Landschaft, und er muss sich mit seinen Mitmenschen über die gemeinsame Landschaft verständigen. Diese Erkenntnis ist grundlegend für die Europäische Landschaftskonvention des Europarates, für die sich der BHU auf diese Weise ebenfalls stark machen möchte.

Im BHU hat sich eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit Kulturlandschaft beschäftigt. Ihr gehören unter anderem Mitglieder aus den Landesheimatbünden und den anderen Organisationen an, die Mitglieder des BHU sind. Alle können mitmachen. Der eine erklärt, der andere pflegt, wieder andere forschen – oder sie singen ein Lied: auf die Landschaft.

Autor

Hansjörg Küster
Präsident des Niedersächsischen Heimatbundes
Landschaftstraße 6a
30159 Hannover

kuester@geobotanik.uni-hannover.de

 
Deutsches Forum Kulturlandschaft - Letzte Änderung: 10.8.2013 - Bund Heimat und Umwelt (BHU)